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KUNST UND HANDWERK

ARTS AND CRAFTS

 

Transformationen. Kunsthandwerk aus Sachsen-Anhalt

Eröffnung: 19.01.2012

Dauer: 20.01. - 25.02.2012

Mit Transformationen setzt der Bayerische Kunstgewerbe-Verein die von ihm initiierte Ausstellungsreihe Kunsthandwerk aus … fort. Nun also Kunsthandwerk aus Sachsen-Anhalt. Kunsthandwerk? Aus sattsam bekannten Gründen würde keiner der zur Ausstellung eingeladenen Künstler als Berufsbezeichnung Kunsthandwerker angeben. Es sind Künstler oder Designer, die Schmuck oder Mode entwerfen und produzieren, die mit Keramik, Papier oder Metall arbeiten, die tradierte oder ganz neue Techniken nutzen und eigene erfinden, die Maler, Grafiker oder Bildhauer sind. Die Praxis aktueller Kunstproduktion und -rezeption vollzieht sich längst nicht mehr im engen Rahmen von Gattungsgrenzen. Die gegenwärtig zu beobachtende fortschreitende Vermischung und Durchdringung aller Kunstformen ist gekennzeichnet von der aktuellen Selbstdarstellung des Designs als Kunst und der Entäußerung der Kunst in Gebrauchsobjekten. In diesem Prozess vollzieht sich auch eine neue Form der Assimilierung der angewandten, handwerklichen, materialorientierten Disziplinen. Die Rede ist von jenen Kunstformen, die sich nützlich machen oder, besser gesagt, denen es ihre Besitzer und Betrachter erlauben, ihnen nützlich zu sein.

Unter dem Einfluss der Lehrenden und Absolventen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ist die Kunstszene Sachsen-Anhalts geprägt von der Vielzahl und wechselseitigen Bereicherung der künstlerischen und gestalterischen Disziplinen. Seit Gründung der Schule als reformierte Kunstgewerbeschule und unter dem Einfluss der Bauhäusler, die ab 1925 von Weimar oder Dessau nach Halle kamen, um an der Burg Giebichenstein zu lehren oder zu studieren, prägen angewandte Kunstformen im Dialog mit bildenden respektive freien Künsten das Bild. Der Fächer übergreifende und transdisziplinäre Diskurs, auf dem das Lehrprogramm der halleschen Kunsthochschule basiert, spiegelt sich in den divergenten Positionen der in Sachsen-Anhalt tätigen Künstlerinnen und Künstler.

Den Absolventen der Hochschule, die junge Künstler- und Designergeneration, von ihren Lehrern in jeder Weise ermutigt „Freiräume zu bewahren und individuelle und eigensinnige Wege“ zu beschreiten, sind gattungsspezifische „Besitzstandwahrungen“ ebenso fremd, wie Berührungsängste mit neuen künstlerischen Konzepten. Sie würden den Gralshütern hierarchischer Kunstauffassungen nur ein müdes Lächeln schenken, wären deren Aktivitäten nicht mit den bekannten Schwierigkeiten, nämlich der sich für die „betroffenen“ Künstlerinnen und Künstler nicht zuletzt auch wirtschaftlich negativ auswirkenden Zurückweisung „angewandter“, „materialorientierter“, „brauchbarer“ Arbeiten verbunden.

Die Ausstellung vereint originelle Positionen von Künstlerinnen und Künstlern, die sich in aller Regel auf die Be- und Verarbeitung eines bestimmten Materials, wie Keramik, Metall oder Textil, oder einen Gegenstandsbereich, wie zum Beispiel Schmuck, konzentrieren. Der Entwurf oder/und die Fertigung dieser Arbeiten basieren auf einem handwerklichen Arbeitsprozess. Die verwendeten Materialen sind sinnlich erfahrbar, aber die Arbeiten erschöpfen sich nicht im Vorführen des Materials. Das vor gar nicht allzu langer Zeit in der Kunst viel geschmähte „Handwerkliche“ ist hier ausdrückliches Mittel zum künstlerischen Zweck. Die Bestimmung der Arbeiten erfüllt sich nicht zuerst und vor allem nicht allein über kontemplative Betrachtung, sondern erst im Gebrauch. Insofern sind sie, um einen Gedanken von Michel Foucault zu paraphrasieren, in dieser Ausstellung am „deplatzierten Ort“. Denn sie gehören hinein in das gelebte Leben, wollen im doppelten Sinn des Wortes „begriffen“ werden. Transformationen zeigt Kunstwerke, die Menschen vorwiegend in ihrer privaten Umgebung rezipieren oder/und nutzen, Kunstwerke, die den Menschen gleichsam doppelt wertvoll sind: mit ihren künstlerisch relevanten Aussagen und – gegebenenfalls – mit einem davon nicht zu trennenden praktischen Gebrauchswert. Es sind Artefakte, dazu gemacht, in die Hand genommen oder als Kleidung und Schmuck am Körper getragen zu werden.

In der künstlerischen Praxis der Gegenwart haben Arbeiten aus kunsthandwerklich konnotierten Materialien, wie Keramik, Textil oder Metall, mit den Produkten handwerklich erzeugter Gebrauchkunst kaum noch etwas gemein, weil sie als Bild, Skulptur oder Installation wahrgenommen werden wollen. Ihre „Angewandtheit“ erschöpft sich häufig im Zitat – in der Betonung des Materials und gelegentlich als mehrdeutige Behauptung einer nicht einlösbaren Gebrauchstauglichkeit. In der Regel ist ihre „Angewandtheit“ dem ausbildungs- oder/und werkbiografischen Hintergrund seiner Autorin/seines Autors geschuldet. Die Ausstellung zeigt aber auch, dass der Anspruch eines handwerklich gefertigten Stücks, als Kunstwerk Geltung zu erlangen, sich mit seiner Zweckbestimmung als Gebrauchsobjekt durchaus verträgt.

Transformationen stimmt ein Loblied an auf Kunstwerke, die ästhetische mit praktischer Beständigkeit verbinden. Die Ausstellung zeigt an exemplarischen Arbeiten die Diversität einer Kunstform, die als „Angewandte Kunst“ flexible Grenzen zu Handwerk, Design und Freier Kunst hat. Transformationen, verstanden als Veränderung, bietet individuelle Versuchsanordnungen zur Neuinterpretation tradierter Muster. Renate Luckner-Bien

Die Künstler der Ausstellung: Cilly J. Buchheiser, Josefine Cyranka, Anna Maria Gawronski, Gritta Götze, Moritz Götze, Michael Krenz und Davia Bukowsky, Benjamin Kräher und Sebastian Schettler, Lydia in St. Petersburg/Susan Krieger, Jule Claudia Mahn, Jasmin Matzakow, Christine Matthias, Martin Möhwald, Johannes Nagel, Antje Scharfe, Cornelia Weihe

 

Einladungskarte

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