Direkt zum Menü springen

KUNST UND HANDWERK

ARTS AND CRAFTS

 

Olga von Moorende

Spielraum für Kleider

Eröffnung: Donnerstag, 15. April 2010, 18.30 bis 20.30 Uhr

Dauer: 16.04. - 05.06.2010

Olga von Moorende widmet sich dem Thema Kleidung mit dem Verständnis einer bildenden Künstlerin. Aus der Vielfalt des Möglichen schöpfend, lässt sie den Körper zur Leinwand für ihre textilen Konversationsstücke werden. Mit Witz und Humor modelliert sie mit farbigen Reißverschlüssen, malt mit Applikationen und bunten Knöpfen, gestaltet mit raumgreifenden Tütentaschen. In ihren Schöpfungen sieht Olga von Moorende die Chance zur Freiheit und Lebendigkeit und gibt den Menschen Mut, sich als Individuen zu erkennen und zu behaupten. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

„Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Sagt der Müller zum König, nimmt damit den Mund ganz schön voll und bringt seine Tochter in Schwierigkeiten. So beginnt das Märchen vom Rumpelstilzchen. Schon der kleinen Olga imponierte die Geschichte mächtig. Jahre später hat die große Olga von Moorende aller Welt bewiesen, dass es auch ohne das Rumpelstilzchen geht. Der Trick dabei: Lass das Spinnen und das Weben und verwandle in Gold, was in den Stoffläden gekauft werden kann.

Der Webstuhl hat sie nie gelockt. In der Nürnberger Akademie, wo sie in den achtziger Jahren studierte, hätte sie dahinter verschwinden können. Doch das war und ist nicht ihr Ding. Dann schon lieber malen. In der Klasse von Georg Karl Pfahler, wo die harte Kante gepflegt wurde, während man sich außen herum wild gebärdete. Ihre Bilder sahen aus wie große Teppiche. Kam wahrscheinlich nicht so gut, denn „dekorativ“ und „ornamental“ waren noch Schimpfwörter. Für die Absolventen-ausstellung entstand das letzte Bild. Danach malte sie nur noch mit Nadel und Faden.

Die besondere Qualität ihrer Kleidungsstücke rührt daher, dass Olga von Moorende nicht den professionellen Weg der Modeschulen und -ateliers gegangen ist. Dass sie sich von außen, mit dem Blick und dem Verständnis einer bildenden Künstlerin der Kleidung gewidmet hat. Deshalb sind ihre Kreationen immer etwas mehr als nur Kleid, Rock, Hut oder Kappe. Gegenüber dem, was üblicher-weise auf dem Catwalk präsentiert wird, wirken sie quasi voraussetzungslos. Nicht dass Olga von Moorende in der Kostüm- und Modegeschichte nicht bewandert wäre. Dies mag sich auch hier oder dort zeigen. Doch Ähnlichkeiten sind nicht gewollt. Der Zitatmix liegt ihr nicht. Sie ist eine Erfinderin.

Wo hat man schon einmal solche Taschen in Tütenform gesehen? Tütentaschen eng an eng, in großer Zahl, die sich wie ein Kranz um die Hüfte legen. In den Zwischenräumen entstehen Falten, ebenfalls konisch, nur auf dem Kopf stehend. So läuft es am unteren Ende des Rocks zusammen und gleich wieder auseinander, dass es eine Lust ist. Die Idee dazu kam tatsächlich von Obsttüten. Sie erinnern sich: „Esst mehr Obst!“ Reißverschlüsse sind für Olga von Moorende kein notwendiges Übel. Ganz im Gegenteil: Sie kriegt schier nicht genug von ihnen. Wie Kanneluren einen Säulenschaft umziehen sie den Oberkörper.

Olga von Moorende hat mir verraten, wo sie viele dieser tollen Stoffe findet. Nicht etwa im schicken Italien, sondern vor allem in den USA. Klar! Im Land des Patchworks und der Quilts, da findet man süße Kätzchen und Hunde. Olga von Moorende weiß mit solchem Kitsch wohldosiert umzugehen. Dieser Humor, dieser Witz lässt sie auch nie ins Geschmäcklerische verfallen. Nur schön, das wäre ihr zu wenig. Auf die Mischung kommt es an, von gutem und schlechtem Geschmack, high and low. Auch darin ist sie als ausgebildete Künstlerin im Vorteil.

Wie sich Geblümtes und Gestreiftes, Karos und Punkte, Unifarbenes und Illustratives zu etwas Neuem verbinden, ist so aufregend, dass einem die Augen aufgehen und man merkt, was es heißen kann, sich zu kleiden. Und unter Umständen bleibt es nicht beim Anschauen und sich Vorstellen, wie man darin wohl aussieht. Damit Sie es wissen: Olga von Moorendes Kleider suchen sich selbst ihre künftigen Besitzerinnen! Lassen Sie es einfach mit sich geschehen und schätzen Sie sich glücklich!

Dr. Thomas Heyden
Oberkonservator, Neues Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg

 

Einladungskarte

X