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KUNST UND HANDWERK

ARTS AND CRAFTS

 

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Michael Becker

Schmuck

Eröffnung: Donnerstag, 1. März 2012, 18.30 bis 20.30 Uhr

Dauer: 02.03. – 14.04.2012

Goldplatten, Titanscheiben, Dolomitsteine, strenge, asketische Formen, klare Linien: selten kann ein erster Blick so trügerisch sein wie der, den man als Außenstehender auf ein Schmuckstück von Michael Becker wirft. Denn hinter der geometrischen Strenge, der ästhetischen Perfektion verbergen sich: Poesie und Leidenschaft, ja eine an Obsession grenzende Lust an der Schönheit. Man könnte auch so sagen: die sichtbare Strenge ist die Konsequenz eines passionierten Drangs, eine kosmische Unordnung zu erfassen und das Chaos gleichzeitig zu bändigen; jede Bewegung anzuhalten und zugleich alles Mögliche in Bewegung zu setzen. Statik und Dynamik sind bei Michael Becker ebenso wenig Gegensätze wie Künstlichkeit und Natur. Er ist ein Meister der Übergänge, der Metamorphosen und Verwandlungen – und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich fast seine ganze Arbeit an der Schnittstelle, auf dem schmalen Grat zwischen der Organisation und der Freisetzung von Energien konzentriert.

Flüssiger Dolomit, steinharte Ströme – wenn man mit glühender Lava arbeiten könnte, Michael Becker würde vermutlich nicht zögern, auch damit zu experimentieren, so sehr ist es ihm ein Bedürfnis, alle geometrische Statik wieder in Bewegung zu versetzen. Ihm selbst schwebt immer das Bild eines ins Trudeln geratenen Würfels vor, dessen unendlicher Kipp-, Fall- und Rollbewegung er am Modell aus Papier minutiös und in Zeitlupe folgt, wann immer er die Glieder seiner Ketten in kalkulierten Rhythmen oder asymmetrischen Aufhängungen aneinanderfügt. In Zeitlupe verfolgt: denn viele seiner quadratischen oder rechteckigen, sanft gebogenen oder ganz leicht verdrehten Kettenglieder geraten - nicht erst am Arm, am Hals ihrer Trägerin - in Bewegung. Sie sind es bereits durch kleine, minutiös kalkulierte, rhythmisierte Verschiebungen in der Anordnung, so als ob da etwas in Be-wegung gerät, niemals ins Stocken kommt, sondern fließt. Statischer, repräsentativer Schmuck, Geschmücktsein ist das Letzte, was Becker möchte. Freilich auch nichts Wildes, kein ungezähmt überschäumendes Driften: Alle Bewegungen sind gefasst, bleiben im Rahmen der Gesetze von Gravitation und Geometrie. Becker und der Liebe zur Schönheit der Geometrie muss ein kleines Kapitel dieser Mini-Ästhetik gewidmet sein. Man sieht ihn förmlich als einen Alchimisten der angewandten Kunst, über seine Zeichnungen und Papiermodelle gebeugt, minutiös, nicht kleinlich, das ist etwas ganz anderes, messend, vermessend. Aber immer auf der Suche nach einem Ideal-zustand, einem Moment, von dem er – vielleicht – ja doch wünschen würde, er bliebe stehen.

Seit seinen Anfängen, seit den Broschen mit ihren von Goldblech umrahmten Räumen, die er auf der Grundlage von Palladio-Grundrissen entwickelte, hat sich Michael Becker dem Blick von oben verschrieben: von ganz oben herab, aus großer Distanz anzuschweben und riesige Landmassen in Miniaturrahmen zu fassen. Freilich so gekonnt, dass keiner auf die Idee eines kruden Verismus käme. Hier wird nicht kitschig nachgemacht, Natur verkleinert, gar verniedlicht. Im Gegenteil, die Reliefs und Faltungen, Gipfel und Täler entstehen erst wieder im Kopf des Betrachters. Das Schmuckstück, die blauen oder grauen oder grünen Steine, Lapislazuli, grauer Dolomit oder grüner Granat, sind allenfalls Katalysatoren, die Bilder in unseren Köpfen zum Leben erwecken und ihnen ein Geheimnis entlocken, das dem normalen Blick verwehrt ist. Was für die Steine und Landschaften gilt, hat gleichermaßen Bedeutung für die Schwelle zwischen Stillstand und Bewegung.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff des Gesamtkunstwerks nahezu automatisch mit der Vorstellung von Größe, ja Gigantomanie verbunden. Man könnte ihm hier abschließend eine andere Wendung geben und, auch wenn es etwas paradox klingen sollte, mit Blick auf Beckers Werke von Gesamtkunstwerken en miniature zu sprechen. Kleine Gesamtkunstwerke, die mit hochartifiziellen Mitteln mitten ins Leben zielen und sich selbst Botschaft genug sind. Keine Metaphern, keine Symbole, schon gar keine Mythen. Das Ding an sich, seine Idee, sein Sich-Materialisieren, sein Auf-leben am Körper einer Trägerin sind Mysterium genug. Nicht zuletzt sind Beckers Schmuckstücke, gerade weil sie mit jeder Bewegung, jedem Lichtwechsel ihrerseits Lichtsignale senden, auch so
etwas wie Medien visueller und taktiler Kommunikation. In einer Welt inflationärer virtueller Bildüberflutungen ist solch eine phantasievolle Neuordnung der konkreten sinnlichen Erfahrbarkeit fast ein Politikum. Es geht um nichts Geringeres als um die Wiedereroberung der eigenen Wahr-nehmung, der Materialität, der Dinglichkeit. Und so sind Michael Beckers Schmuckobjekte auch Instrumente im Kampf um Eigensinnlichkeit und eine hautnah erfahrbare Mystik der „Oberflächlichkeit“.

Cornelie Ueding und Jürgen Wertheimer

 

Einladungskarte

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