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KUNST UND HANDWERK

ARTS AND CRAFTS

 

Alexandra Bahlmann

Eröffnung: Donnerstag, 6. Oktober 2011, von 18.30 bis 21 Uhr

Dauer: 07.10. – 19.11.2011

Mehr als jedes andere Schmuckstück muss eine Halskette sitzen, ob es sich dabei um ein Collier, einen Kragen oder eine lange Körperkette handelt. Sie darf nicht zu schwer sein, sie muss die richtige Mechanik haben, um unkompliziert zu fallen, gut zu bewegen und anzufassen sein, und sie muss der Trägerin ein besonderes Etwas verleihen, das ihre Individualität ausdrückt. Diese Vorgaben zeitgemäß umzusetzen, erhebt nicht unbedingt den Anspruch auf Kunst, will aber mit Geschick und Takt gelöst werden. Wie viele Vertreter ihrer Zunft sieht Alexandra Bahlmann sich in erster Linie als Gold-schmiedin, die dem Handwerk nahesteht. Ihre Bewunderung gilt wagemutigen, kreativen Frauen, die auch als Modemacherinnen Zeichen gesetzt haben, wie die russische Literatin und Modedesignerin Elsa Triolet, die deutsche Bauhaus-Absolventin und Photographin Ré Soupault, oder die Britin Vivienne Westwood, deren Kreationen bei aller Phantasie letztlich immer darauf achten, in funktio-naler wie auch in sozialer Hinsicht tragbar zu sein. Schmuck, der nur darauf aus ist, Aufmerksamkeit zu erregen, ist nicht Alexandra Bahlmanns Ziel. In ihren Augen darf Schmuck auf den ersten Blick durchaus konventionell scheinen, wenn er bei näherer Betrachtung seine Besonderheit erkennen lässt. In dieser Zielsetzung liegen Selbstverständnis und Arbeitsethos der Goldschmiedin; ihre Werke streben nach langfristiger Anerkennung und Zuverlässigkeit. Was heute schön ist, soll auch morgen noch gelten. In diesem zeitlosen Sinne will sie auch dekorative Elemente nicht ausschließen.

Es ist verwunderlich, dass die Schmuckkette in der kunsthistorischen Literatur bisher nur wenig Aufmerksamkeit gefunden hat, vergeblich sucht man nach einer Kulturgeschichte der Kette. So hatte Alexandra Bahlmann kaum Vorbilder, auf denen sie aufbauen konnte, lediglich Beispiele in den Museen und die eigene Erfindungskraft standen ihr zu Gebote. Während ihres Studiums in den Niederlanden hatte sie wegen ihrer guten Voraussetzungen für räumliches Sehen und Verstehen noch erwogen, Bildhauerin zu werden. Diese Qualitäten kamen ihr bei ihrer späteren Tätigkeit als Ketten-macherin zugute. Musste sie anfänglich nicht das Gefühl haben, alle nur denkbaren mechanischen Verbindungen einer Kette oder eines Geflechts aus ineinandergreifenden Ösen seien auf dem langen Weg der Schmuckkunst von prähistorischer Zeit bis heute bereits erfunden und ausgereizt worden?

Es gab Anker-, Fuchsschwanz-, Panzer-, Zopf- oder Hobelspanketten, die meisten mit unendlich vielen Varietäten, zu deren Vielfalt im 19. Jahrhundert die Erfindung der Kettenmaschine noch einmal erheblich beitrug und die vorhandenen Modelle um viele technische und dekorative Abwandlungen ergänzte. Das Geheimnis einer eleganten, handgemachten Kette liegt darin, dass diese mechanisch höchst anspruchsvoll konstruiert ist, aber ihre Machart im Innersten verborgen ist und so rätselhaft erscheint wie ein komplexes Ornament.

Alexandra Bahlmann hat eine umfassende Ausbildung als Goldschmiedin absolviert. Nach dem Abitur lernte sie bei Marie und Peter Hassenpflug in Düsseldorf und ging anschließend an die Rietveld Akademie nach Amsterdam, wo sie bei Onno Boekhoudt studierte. Nach drei Jahren wechselte sie zu Hermann Jünger nach München, dessen Klasse in der Akademie sie besuchte und für den sie im Atelier arbeitete. Bei Jünger vertiefte sie die Erkenntnis, dass gestalterische Freiheit und Präzision sich nicht ausschlossen, und es sich lohne, auch gegen den Strom zu schwimmen, und dass nicht die Ideologie einer neuen Schmuckrichtung das Entscheidende sei, sondern stetige Arbeit und Konsequenz in der Haltung. Alexandra Bahlmann hat nie einer „Schule“ des Autorenschmucks angehört. Sie ist sich treu geblieben und hat in der Anerkennung ihrer Arbeit Höhen und Tiefen erfahren.

Dr. Rüdiger Joppien
Leiter der Abteilung Jugendstil und Moderne, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg i.R.

 

Einladungskarte

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